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Dienstag, 21. Februar 2017

Kopfsache - selbstgenähte Hüte und Mützen Teil 11

oder:    Das Rotkäppchen-Desaster

Kurz vorm Abschluss des Projekts „Kopfsache – selbstgenähte Hüte und Mützen“ ging beim Modell Rotkäppchen so ziemlich Alles schief. So schief, dass es mich viel zu viel Nerven und Zeit gekostet hat und mir fast die ganze Lust am Projekt genommen hätte. Nur gut, das ich einen Starrkopf habe, der mich vom Aufgeben abgehalten hat.




Das Modell aus dem Buch „Chapeau – 25 Nähprojekte für Hüte, Mützen, Kopfschmuck und mehr“ verlangt nach einem besonders stabilen Filz von 3mm Dicke um die einzelnen Schnittteile der Kappe Stoß auf Stoß aneinander und zu nähen. Weil ich solchen Filz nicht mehr hatte musste Neuer bestellt werden und damit fingen die Probleme an. Ich erhielt erst eine falsche Lieferung, dann das Versprechen auf Ersatz und schließlich ein Schreiben in dem man mir mitteilte, der gewünschte Artikel sei nicht länger lieferbar.



Da ich mich davon nicht geschlagen geben wollte, entschied ich kurzer Hand die Kappe aus anderen Materialien herzustellen. Schnell war entschieden es würden die selben Stoffe wie bei der zuletzt gezeigten Schiebermütze werden. (Die Stoffe lagen in der Stoffkiste ganz oben und ersparten mir langes Suchen.)



Die Schnittteile wurden mit Nahtzugabe ausgeschnitten, durch Vlies-Einlage verstärkt und dann nach bekannter Art zusammengefügt. Dabei ist mir schon wieder einer dieser dummen Fehler passiert, die ich inzwischen nicht mehr machen sollte. Ich habe das Krempen-Schnittteil falsch herum zugeschnitten. Dieses Unaufmerksamkeit blieb leider so lange unentdeckt, bis ich den Fehler nicht mehr beheben konnte. Das unschöne Zwischenergebnis:




 

Ahhrrg! Was sollte ich mit so einem welligen Teil noch anfangen? Ich hatte nicht mehr genügend Stoff um von Vorne zu beginnen. Vielleicht mit dem Bügeleisen in Form pressen? Falsch, großer Fehler! Der ohnehin schon Wellen schlagende Stoff wurde durch das zu heiße Bügeln auch noch rippelig, weil sich die Bügeleinlage verzog. Doppel Ahhhrrrrg!





Der wachsende Unmut wurde mir dann auch noch anders zum Verhängnis, weil ich in einem weiteren unaufmerksamen Moment meinen Unterarm am Bügeleisen versengte. AHHH!



Mit bandagiertem Arm und neu geweckter Kampfeslust, wollte ich die widerspenstige Kappe doch noch in die Knie oder besser in eine gewünschte Form zwingen. Also Stecknadeln raus und so lange an der Krempe herum zupfen und stecken, bis sich eine akzeptable Form ergeben würde.

Als Selbige dann endlich gefunden war, musste die Krempe geheftet werden, damit sie ihre Form auch halten würde. Es dürfte Keinen überraschen, dass auch hier wieder etwas schief ging. Trotz Fingerhut schaffte ich es mir die Nadel in einen meiner Finger zu rammen und eine zweite Nadel im Stoff zu verbiegen.

Aber am Ende ging ich siegreich hervor:








Jetzt fehlte mir nur noch ein bisschen Dekor an der freien Seite der Kappe. Die Stoffwahl und die hart erarbeitete Form der Kappe erinnerte mich inzwischen an die kleinen Sonntagshüte der 40er und 50er Jahre, deshalb suchte ich nach Elementen die diesen Stil unterstützen würden. Entschieden habe ich mich schließlich für ein Dekorationselement aus den selben Stoff und in einer möglichst schlichten, fast abstrakten Feder-Form.






Die letztlich entstandene Kappe hat so gar nichts mehr mit Rotkäppchen oder dem Schnittmuster der Vorlage zu tun. Was schade ist, da mir das Modell recht gut gefallen hat. Wichtiger ist allerdings, dass ich aus einem echten Desaster noch etwas herausgeholt habe, das man bei gegebenem Anlass tatsächlich in der Öffentlichkeit tragen kann.



Ich wollte mich schlicht und einfach nicht geschlagen geben und so ist mein Starrkopf zu einer weiteren neuen Kopfbedeckung gekommen.

Die Ziellinie fürs Projekt „Kopfsache – selbstgenähte Hüte und Mützen“ ist nur noch zwei weitere Modelle entfernt und ich kann es kaum erwarten all meine Kopfbedeckungen nebeneinander zu sehen.



Jetzt schaue ich mich aber, wie immer nach getaner Handarbeit, erst einmal beim Creadienstag um und freue mich an den Beiträgen und tollen Ideen der anderen Teilnehmer.



Bis bald

Gruß

Sophie

Dienstag, 14. Februar 2017

Kopfsache - selbstgenähte Hüte und Mützen: Schiebermütze 2.5


Damals, vor etwa 7 Monaten, als ich mit dem Projekt „Kopfsache – Erste selbstgenähte Hüte und Mützen“ begonnen habe, sind gleich mehrere Schiebermützen entstanden. Zwei Varianten für Kinder und eine Herren-Version, die inzwischen alle neue Besitzer gefunden haben.



Da ich mich meinem selbst gewählten Projektziel so langsam nähere und die verbleibenden Modelle bei mir nicht mehr so recht Begeisterung auslösen können, fand ich es an der Zeit noch einmal eine Mütze zu nähen die Spaß macht und mir hilft die nötige Motivation für den Endspurt des Projekts zu finden.



Auf der Suche nach Inspiration fand ich einen Recycling-Stoff, der nicht nur danach verlangte eine Schiebermütze zu werden, sondern auch noch eine passende Fliege werden wollte.



Aber zunächst einmal die Kopfbedeckung. Das Schnittmuster habe ich schon einmal vorgestellt und beschrieben und auch Bilder vom Entstehungsprozess habe ich gezeigt (nachzulesen hier).







Der Mützenschirm ist mit einer selbst genähten Einlage verstärkt, zwei eng vernähte Stücke fester Stoff mit nachträglich aufgebügeltem Vlies zum Versteifen.







Anders als im Buch habe ich keine Stofffalte am Scheitelpunkt der Naht zwischen Rand- und Kronenteil genäht, stattdessen habe ich die Kante rund genäht und die Stoffe, ähnlich wie beim Einsetzen eines Ärmels in das Armloch, eingehalten. (Ich hoffe kann verstehen, was ich damit sagen will? Falls nicht oder falls mir jemand sagen kann wie ich mich verständlicher ausdrücken kann, bitte einfach melden.)





Der Futterstoff ist ein Stück aus einer gekürzten Übergardine und der Karostoff war in seinem ersten Leben ein Sakko. Das meiner Meinung nach auch ein selbst genähtes Kleidungsstück gewesen ist, wenigstens aber von einem Hobbyschneider einmal umgenäht worden ist. Hier ein paar Vorher-Aufnahmen des guten Stücks:





Da ich noch genügend Material zur Verfügung hatte und das schöne Karomuster danach verlangte in Gänze verarbeitet zu werden, fällte ich den Entschluss eine Fliege zu nähen.

Dabei kam mir die bereits verstärkten Kragenteile des Sakko gerade recht. Wir sind ein Haushalt in dem es bislang keine Fliegen / Bow Ties gab, deshalb musste ich das Internet um Rat bemühen.






Nach ein bisschen Suchmaschinennutzung stieß ich auf ein sehr einfaches Modell mit passender Anleitung von Martha Steward. Leider habe ich den Link nicht mehr parat, aber wenn man nach „Martha Stweard, Bow Tie, Tutorial“ sucht sollte man schnell fündig werden. Rudimentäre Englischkenntnisse sind ausreichend, um die Schnittmuster-pdf herunter zu laden und ein Anleitungsvideo in dem das Zusammennähen gezeigt wird gibt es ebenfalls.






Schnittmuster vergrößern, Stoff zuschneiden und zusammennähen, wenden und schließen – fertig.

Wer auf Nummer sicher gehen will, kann sich noch die Mühe machen und die Länge der Fliege ausrechnen, dazu muss man zwischen die Beiden Elemente der Schleife lediglich das Maß des Halsumfang plus ein bisschen Raum zum Atmen einfügen.






Das erfolgreiche binden der Fliege dauert bei Unerfahrenen wie mir länger als die Herstellung der Fliege. Aber auch in diesem Fall kann das Internet helfen und nach dem wiederholten schauen von Anleitungsvideos klappte es bei mir schließlich auch.









Die beiden Teile zu nähen hat richtig Spaß gemacht ging flott von der Hand und auch wenn sie wohl nur Verwendung als Kostümelemente finden, freue ich mich über die fertigen handgemachten Accessoires.





So, der Creadienstag und seine vielen Beiträge wollen bestaunt werden. Von mir nächste Woche wieder mehr, bis dahin



Lieben Gruß

Sophie

Dienstag, 7. Februar 2017

Nähstuhl Teil03


Im dritten Teil zu meinem kleinen Restaurations-Abenteuer gibt es entscheidenden Fortschritt zu berichten, denn aus meinem Holz-Puzzle ist wieder ein Stuhl geworden. Aber schön der Reihe nach, beim letzten Mal war ich ja noch unentschlossen über die richtige Reihenfolge von Lackieren und Verleimen.






Wie ich damals schon angedeutet hatte, bin ich zunächst zum Lackieren der Teile übergegangen. Die liebe Jeanne hat mir zwar in den Kommentaren davon abgeraten, aber da hatte ich schon begonnen einzelne Elemente zu lackieren. Upps. Alle Stuhlelemente sind mit einem Klarlack dünn überzogen, die Verbindungselemente habe ich dabei aber ausgespart. Nachdem die erste Lackschicht genügend Zeit hatte zu trocknen bin ich dann wieder über alle Teile mit einem sehr feinen Schleifpapier gefahren, um die Oberfläche für eine zweite Schicht Klarlack vorzubereiten. Bevor man aber wieder zum Pinsel greift, sollte man sich die Zeit nehmen, das Holz mit einem feuchten Tuch vom Schleifstaub zu befreien. Natürlich muss man dann auch noch die Geduld aufbringen die Teile vollständig trocknen zu lassen.






Den zweiten Lackauftrag wollte ich dann für ein schöneres Ergebnis mit einer Lackrolle auftragen, aber gleich zu Beginn wurde klar, das die Rolle zu groß und der Lackauftrag zu ungleichmäßig wurde. Also habe ich doch wieder den Pinsel benutzt und überschüssigen Lack kurzer Hand mit sauberen Fingern verstrichen bzw. abgenommen. Immer noch keine perfekte oder ideale Lösung, aber ein weit schöneres Ergebnis.






Einige Stuhlteile musste ich in zwei separaten Durchgängen lackieren, da ich die Elemente sonst nicht hätte zum Trocknen ablegen können, so entstanden ein paar unschöne Lacknasen, die man aber kaum sehen kann.



Nach dem Trocknen ging es dann ans Zusammensetzten mit Holzleim, über meine Aversion gegen Leim jeder Art habe ich ja schon letztes Mal geschrieben, weshalb ich einen meiner guten Tage abwarten musste, um mich der Sache zu stellen.






Bewaffnet mit Holzleim, Küchenrolle und Handschuhen ging es daran die Teile des Stuhls wieder zusammen zu setzen. Ein Prozess, der wegen meiner hinderlichen Abneigung und den über die Jahre verzogenen Stuhlteile, unheimlich langwierig und frustrierend verlief.

Sollte ich noch einmal auf die Idee kommen ein Möbel zu restaurieren, werde ich diesen Teil der Aufgabe sicher Auslagern, sprich dem Mann im Haus machen lassen.






Um die Elemente ineinander zu stecken, wäre wohl mehr Kraft nötig gewesen, als ich und mein kleiner Hammer aufbringen konnten. Um die Teile nicht zu beschädigen habe ich natürlich nicht direkt auf ihnen herum gehämmert sondern ein Restholz zwischen geklemmt.

Hämmerte ich an einer Stelle sprang eine zweite Stelle wieder auseinander – das Ganze hat mich gefühlte Ewigkeiten gekostet. Irgendwann war dann einfach genug, ich wollte nur noch von dem Stuhl (und diesem verflixten Leim) weg.

Nur ganz aufgeben konnte ich dann doch nicht, weshalb der Stuhl mit ein paar Zuggurten zusammen gezurrt wurde, in der Hoffnung die immer wieder aufklaffenden Spaltmaße so gering wie möglich zu halten.






Nach ein paar Stunden Abstand zu der emotionalen Verleim-Katastrophe, bin ich dann aber doch noch mal zum Stuhl zurück, nur um mir noch mal ein Bild vom Ausmaß des Desasters zu machen.

Was ein bisschen zeitlicher Abstand und ein gut gefülltes Glas Rotwein nicht alles bewirken können ist erstaunlich, denn aus meinem Desaster war wie durch Zauberhand einfach ein Stuhl geworden. Ein nicht perfekter immer noch ein bisschen wackliger alter, laienhaft restaurierter Stuhl.






Wie man auf dem obigen Bild schon sehen kann, hab ich auch die alte Sitzfläche dazu geholt und erfreut festgestellt, dass sich immer noch ziemlich gut in den Stuhl hinein passt. Und auf dem nächsten Bild wirken die Spaltmaße auch nicht mehr wie gewaltige Schluchten.






Der Farbunterschied ist gewaltig, gefällt mir aber eigentlich ganz gut. Trotzdem habe ich mir vorgenommen eine neue Sperrholzplatte zu fertigen, weil die original Sitzfläche leider in einem wirklich besorgniserregend schlechten Zustand ist und ich sie einfach nicht kaputt sitzen möchte.



Also heißt es für mich jetzt erst einmal nach passendem Arbeitsmaterial suchen und eine Schablone erstellen, damit ich das tolle Stern-Muster vom Original auf meine Ersatz-Sitzfläche übertragen kann. Ein wenig wird es aber noch dauern bis ich mich diesen Aufgaben wirdmen kann, also habt ein bisschen Geduld mit mir und dem Nähstuhlprojekt.




Auch diese Woche ist der Post beim Creadienstag verlinkt. Wo ich mich jetzt erst mal umsehe und schon mal vorsorglich nach neuen Projektideen Ausschau halte



Bis bald, Gruß

Sophie

Dienstag, 31. Januar 2017

Neue Hutschachtel, alte Kuchentasche

Im letzten Jahr habe ich hier über meine Versuche berichtet eine Tortentasche zu nähen und wie ich dadurch zu einer Hutschachtel für meine stetig wachsende Hutsammlung kam.
Schon im damaligen Post habe ich davon gesprochen noch weitere Hutschachteln zu nähen und nun ist es endlich so weit.


Auch bei meinen beiden neuen Hutschachteln habe ich gefärbte Ditte vom Möbel-Schweden verwendet. Die verschiedenen Batik-Methoden haben zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen geführt, passen aber durch das gemeinsame Thema „Batik in Blau/Weiß“ ganz gut zusammen.


Die dunklere der beiden Hutschachteln hat die selbe Größe wie mein erstes Modell, die zweite Schachtel ist etwas größer ausgefallen, so dass auch mein Sommerhut, mit der extra breiten Hutkrempe, endlich aus seiner Plastiktüte befreit werden konnte.



Auch dieses Mal sind Boden und Seite der Schachtel mit einem unbenutzten (!) Bodenwisch-Vlies versteift und mit dem Außenstoff zusammen gequiltet.



Den Futterstoff habe etwas anders genäht und um ehrlich zu sein, auch noch nicht vollständig vernäht. Aber da nur ich in diese Hutschachtel schaue und mich das „lose“ Futter nicht wirklich stört, wird sich am aktuellen Fertigungsstand wohl auch nichts mehr ändern.
Meine kleine Kollektion macht sich optisch ganz gut und weil ich so zufrieden mit meiner Hutschachtel-Lösung bin (und immer noch Hüte auf ein neues zu Hause warten), wird die Kollektion zu gegebener Zeit wohl noch erweitert werden.


Was ich euch aus dem oben angesprochenen ersten Blog zum Thema noch schuldig bin sind die alternativen Kuchentaschen, mit denen ja alles angefangen hat.
Nachdem ich mich noch durch eine Tragevorrichtung mit Kochlöffelträgern (Casseroll-Carrier) gearbeitet hatte, viel die Wahl meiner Bekannten schließlich auf das vierte und wahrscheinlich simpelste Modell eine Art gefüttertes und gequiltetes Wickeltuch mit integriertem Tragegurt und Schlaufen. Leider habe ich davon nur ein paar Schnappschüsse in ungefülltem Zustand gemacht. Der Lebensmittelbehälter wird mittig und unter dem Tragegurt platziert, der wiederum wird durch die beiden Schlaufen gefädelt und so die Tasche um den Behälter zugezogen.



So, mit diesem zugegeben eigenwilligen 2in1s Post, mache ich mich jetzt auf zum Creadienstag und schaue mich dort gleich einmal nach neuen kreativen Ideen um.

Bis bald! Gruß
Sophie

Mittwoch, 25. Januar 2017

Der lange Weg zum kurzen Rock

ACHTUNG: dieser Post ist unfassbare 1751 Wörter lang geworden und nur für Leser mit Durchhaltevermögen und Zeit geeignet, alle anderen sollten sich vielleicht oder zunächst aufs Anschauen der Bilder beschränken !!!

Zum Beginn des Neuen Jahres hatte ich mir nur eines vorgenommen, keine guten Vorsätze zu fassen. Aber so ganz ohne Ziele für 2017 bin ich dann doch nicht ins Jahr gestartet. Eines dieser Ziele - die weniger an einen bestimmten Zeitraum, sondern an die Idee von persönlicher Entwicklung in kurz-, mittel- und langfristigen Instanzen geknüpft sind – ist das Nähen einer kleinen Garderobe.
Kleine Nähprojekte machen mir immer großen Spaß, außerdem sind sie relativ simpel und schnell zu gestalten und damit leicht in einen eng bemessenen Freizeitrahmen zu integrieren. Jedoch habe ich festgestellt, dass mir besonders die Handarbeiten am Herzen liegen, in die ich mehr Zeit investiere und die neben einem dekorativen Nutzen auch noch praktische Verwendung finden. Es ist schön ein paar selbst gemachte Topflappen in der Küche zu verwenden, ein selbst geschneidertes Kleidungsstück zu tragen ist eine noch viel freudigere Erfahrung. Ganz zu Schweigen von dem Ego-Streichler, den jedes Kompliment für das Kleidungsstück bedeutet.
Bislang habe ich mich selbst eher selten herausgefordert und immer nur Nähprojekte in Angriff genommen, von deren Erfolg ich wenigstens zu 70% überzeugt war. Das soll sich ab sofort ändern, die Herausforderungen sollen größer werden, die Schnitte komplexer oder gänzlich neu, der Faktor Unbekannt soll steigen und das Lernen von Techniken (und durch Fehlversuchen) im Fokus stehen.

Im vergangenen Jahr habe ich ja schon ein paar meiner Röcke gezeigt, den Klavierrock und den Sommerrock zur Aktion des MeMadeMittwoch. Und auch in diesem Jahr zeige ich euch als erstes einen selbst genähten Rock (okay, eigentlich sind es drei), aber ihr werdet sehen, die Ansprüche steigen und es soll nicht nur bei den Röcken bleiben. Auf meiner Wunschliste stehen Oberteile, Kleider und eine Hose. Heute aber zu Beginn noch einmal das Thema Rock.

Wer hier regelmäßig mitliest, der weiß um meine Recycle-Leidenschaft, ich mag es aus alten Stoffen etwas Neues zu gestalten, mir gefällt daran der ökologische und der ökonomische Aspekt, das ressourcenschonende Wiederverwerten und die geringe finanzielle Aufwendung. Oft bekomme ich Stoffe und ähnliche Materialien aus meinem Bekanntenkreis, ab und an gehe ich aber auch auf die Suche danach, in Second-Hand-Läden oder auf Flohmärkten. Vor einiger Zeit bin ich zufällig auf einen Laden gestoßen in dem für einen humanitären Zweck alle möglichen Waren angeboten wurden und dort ist mir ein besonders schönes Stück untergekommen, ein handgenähter Kilt aus einem qualitativ hochwertigem Wollstoff.



Ein Ausnahmefund und ein absolutes Schnäppchen bei einem Räumungsspreis von 2€ !
Der Kilt muss ein Damenkilt gewesen sein, der von einer erfahrenen Näherin hergestellt wurde. Indizien dafür sind die saubere Verarbeitung und vor allem die Arbeit die in das Faltenbild des Kilts geflossen ist. Es war gut zu erkennen (vgl. Bild unten), dass jede Falte durch absteppen sicher verankert wurde und so gelegt war, dass die zusätzliche Weite zwischen Taille und Hüfte gleichmäßig verteilt wurde. Bei günstigen Kilts oder bei Kilt inspirierten Röcken wird in der Regel die Reduktion der Weite einfach durch Abnäher erzielt, was signifikant weniger Arbeit, Zeit und Können in Anspruch nimmt.



Ein bisschen habe ich es bedauert, den schönen Kilt auseinander zu nehmen, aber er hätte mir so beim besten Willen nicht gepasst. Bevor ich aber den Nahtauftrenner bemühte, musste ich einfach wissen welchen Taillienumfang die frühere Besitzerin wohl gehabt haben mag, das Maßband verriet eine Taillienweite von 54 cm. (das entspricht glaube ich einer Größe XXS oder der Amerikanischen Size 00 !) Aufgrund der Kilt-Länge muss die Dame oder vielleicht war es ein junges Mädchen auch noch von elbenhafter Größe gewesen sein. Ich dagegen habe eher Hobbit-Maße.
Nach zweieinhalb Stunden waren alle Falten aufgetrennt, der Taillengürtel gelöst, die Accessoires entfernt und ich in Fädchen begraben. Danach ging der Stoff in die Handwäsche, da er aus mindestens 80 % Wolle besteht hieß das eiskaltes Wasser, wenig Waschmittel und unendlich viele Spülgänge. Ich arbeite und trage gerne Wollstoffe, aber Textilpflege bedeutet im Fall von Wolle immer Handarbeit und kalte Finger. Nach dem Antrocknen ging es mit dem Stoff direkt zum Bügelbrett, wo ich mit Bügeltuch und jeder Menge Dampf den Falten den Kampf ansagte.

Dann lag er da, der wunderschöne Stoff und wollte unbedingt zu neuem Leben erweckt werden. Aber ich wollte auf gar keinen Fall etwas daraus nähen, was ich nicht auch gerne und oft tragen würde, deshalb war schnell klar: erst muss noch der perfekte Schnitt zum Stoff gefunden werden. Nicht irgendeinen Schnitt sondern meinen eigenen, selbst konstruierten Schnitt. (Kann man an dieser Stelle den Größenwahn, deutlich genug herauslesen?)
Ich wollte einen Rock, der das Tartan-Muster gut zur Geltung kommen lässt, also schlicht ist und ohne viele Nähte auskommt. Das Muster sollte horizontal ununterbrochen verlaufen und auch in der Vertikalen nicht durch unglücklich positionierte Abnäher optisch verzerrt werden.
Um sparsam mit dem Stoff um zu gehen - vielleicht würde der restliche Stoff ja noch ausreichen um ein Accessoire zu nähen – war schnell klar, es sollte ein Bleistiftrock werden. Dieser sollte eng anliegen und damit eine Lücke in meiner Garderobe schließen, denn einen“ echter Sekretärinnen-Rock“ fehlt darin. Mir gefiel die Idee eines integrierten Tailliengürtels, wie der Kilt ihn ursprünglich auch hatte und um trotz eines engen Sitz uneingeschränkt laufen zu können sollte der Rock eine angeschnittene Gehfalte bekommen.

Da ich mir fast sicher war, was den Erfolg des ersten Schnittmusters anbelangte, suchte ich in meinem Stoffvorrat nach einem karierten Stoff und in meiner umfangreichen Link-Sammlung nach einer Anleitung zum konstruieren eines Rockschnitts. (Die ich hier nicht verlinke weil mich das Resultat nicht genügend überzeugen kann.) Wie man eine Gehfalte näht schlug ich bei Liselotte Kunder in „Schneidere selbst“ nach und legte einfach los.

Der Rock ist tragbar, könnte aber besser sein. Das Taillenband sitzt nicht eng genug und leider auch ein bisschen höher als meine natürliche Taille. Die Abnäher sind nicht schön positioniert und die Gehfalte ist bei der vorsichtigen gewählten Reduzierung der Rockbreite ohne wirkliche Funktion. Außerdem bedeutet eine angeschnittene Gehfalte einen erhöhten Stoffverbrauch, soll doch das Tartan-Muster möglichst ununterbrochen wirken. Gleiches gilt für den Reißverschluss, den ich bei dieser Variante im Rücken positioniert habe. Der Knopfverschluss in der Taille ist ebenso ein Detail, das mir für den Schotten-Stoff nicht gefällt.
(Mehr zu diesem Rock und auch dem zweiten, nachfolgenden Modell können die Ausdauernden unter euch in meinem gestrigen Post für den Creadienstag lesen.)


Bei meinem zweiten Schnittmuster habe ich mich weitgehend an die Konstruktionsangaben von Winifred Aldrich in „Metric pattern cutting for women's wear“ gehalten. Weil das Musterangleichen beim ersten Versuch schon erfolgreich war, kam für Rock Nr. 2 Ein Stoff ohne Muster in Frage. Den Reißverschluss habe ich in die Seite gelegt, die Abnäher sind deutlich besser positioniert und auf eine Gehfalte habe ich ganz verzichtet. Dafür ist der Rock gleich oben und unten ein Stück kürzer geworden. Um zu sehen wie mir ein Rock gefällt, der etwas tiefer als in Taillehöhe sitzt, habe ich die Taille einfach einen Zentimeter tiefer geschnitten, die Abnäher habe ich deshalb um die selbe Distanz nach unten verlängert, glaube aber nicht, dass sich durch diesen Schritt die Passform des Rocks wesentlich verändert hat. Weil ich zudem mit Stoffknappheit konfrontiert war, wurde der Rock ein Stück kürzer als sein Vorgänger. Die Reduktion der Rockweite zum Saum hin habe ich erhöht und darauf geachtet, dem angeschnittenen Saum genügend Weite zuzugeben.


Der Sitz ist wie beim erst Rock nicht Ideal, dieses mal macht der Rock mich durch seinen tiefen Sitz, fast auf dem Hüftknochen, ein bisschen Breiter als ich erscheinen oder sein möchte. Ist aber durchaus tragbar, besonders mit langem Pullover zum darüber Tragen. Außerdem kann am Saum immer noch an Weite weg genommen werden, ohne das ich beim Gehen signifikant eingeschränkt werde.


Nun hatte ich also einige Parameter für den idealen Schnitt getestet und war bereit ein letztes Mal Maß zu nehmen, Bleistift und Schneiderlineal (Eines der tollen Weihnachtsgeschenke.) einzusetzen und in den Kilt-Stoff zu schneiden.
Schnitt Nr. 3 wurde noch ein kleines Stückchen kürzer und zum Saum hin enger, als seine Vorgänger. Um heraus zu bekommen, wie der Stoff am Besten wirken würde und wie ich das Schnittmuster trotzdem ressourcenschonend Einsätzen könnte, habe ich eine ganze Ewigkeit hin und her überlegt. Ich bin mit dem Stoff vor den Spiegel gezogen und habe ihn probehalber angehalten, geschaut wie das Muster möglichst schmeichelhaft am Körper liegt, wo sich die Saumkante am Schönsten bricht und wie die Abnäher möglichst dezent im Mustersatz liegen. Einen Moment lang habe ich sogar darüber nachgedacht die markantesten Stofflinien auf die Schnittmusterteile zu übertragen, dann aber gemerkt wie ich mich schon wieder in die Sache verrannt habe. Nach einer Kaffeepause ging es mir besser und die Stoffteile wurden in schneller Folge einfach ausgeschnitten.
Das Zusammennähen verlief, dank der ausgiebigen Übung an den vorherigen Varianten, ganz simpel und schnell. Der Reißverschluss ließ ich in Windeseile von Hand einnähen und beim Saum hab ich (anders als zuvor) sogar auf eine einfache Maschinennäht zurückgegriffen. Der Rock ist in jägergrün gefüttert und kommt bislang auch ohne Haken und Öse zusätzlich zum Reißverschluss aus.






Mit meinem fertigen Rock bin ich ausgesprochen zufrieden, er sitzt nahezu perfekt, tut das was er soll und die kleinen Makel in der Verarbeitung sind nicht mal in meinen kritischen Augen einer detaillierten Benennung wert. Kein anderer meiner Röcke ist so kurz oder zeigt so genau meine Kurven. Fürs Büro ist er bestimmt nicht mehr schicklich, aber ich finde ihn in dieser Länge klasse. Gehen ist damit auch kein Problem, nur Klettern oder gar Laufen ist definitiv nicht ohne Probleme möglich. Kombinieren lässt er sich auch ganz gut, weshalb er schon mehrfach zum Einsatz kam und nun feste Bestandteil meiner Herbst-/Wintergarderobe ist.





Gleich beim ersten Ausgang mit dem Rock, bin ich auf das Tartan-Muster angesprochen worden. Um ehrlich zu sein habe ich mir bis dahin keine Gedanken über möglich „Clan“-Zugehörigkeit gemacht und konnte bislang auch nichts Sicheres in Erfahrung bringen. Dafür bin ich aber auf einen Schnappschuss aus der Fernsehserie Friends gestoßen:

Bildrechte gehören, wie die Serie und all ihre Figuren, Warner Bros. Entertainment

Jetzt heißt der Rock also Rachel und ich bin mir ziemlich sicher, dass es sich bei dem Karomuster nicht um ein eingetragenes oder geschütztes Geschmacksmuster handelt. Aber ich freue mich über Informationen oder Korrekturen, wenn jemand mehr weiß.

Gratulation an Alle, die es bis hier hin geschafft haben. Seid euch meines Dankes sicher und gönnt euch zur Erholung eine Tasse Tee. Und schaut noch unbedingt bei den anderen Teilnehmern des heutigen MeMadeMittwoch vorbei.

Lieben Gruß
Bis bald
Sophie